Handwerksschule

Bündnis für Bildung – Handwerk – Zukunft

Eine Initiative der Montessori-Schule Essing

für eine qualitative und nachhaltige Perspektive der handwerklichen Berufszweige im Altmühltal

Die Herausforderung:

Im Gespräch mit vielen Handwerksmeistern ist festzustellen, dass die Situation ihrer Betriebe in Bezug auf den Nachwuchs bedenklich, wenn nicht sogar kritisch ist.

Nur schwer sind überhaupt kompetente Lehr­linge/Auszubildende zu finden. Denn es mangelt oft an Disziplin, selbstständigem und vorausschauendem Arbei­ten, interdisziplinärem Denken, einem Gespür und verant­wortungsvollem Umgang für und mit Werkzeug und Materi­alien und nicht zuletzt am ordentlichen Auftreten und angemessenes Verhalten gegenüber dem Kunden.

Die Gründe sind vielfältig:

  • Der demographische Wandel der Geburtenzahlen führt unweigerlich dazu, dass weniger Schüler die Schule verlassen. Stellenweise kommen auf einen Auszubildenden mittlerweile zwei Lehrstellen.
  • Gesellschaftlich herrscht die Meinung vor, nur das Abitur führe zu beruflichem Erfolg. Dies wird durch die sicherlich fairen und differenzierten Möglichkeiten des zweiten Bildungswegs befeu­ert, führt aber auch dazu, dass immer mehr Jugendliche, die sicher gute Handwerker wären, Abitur machen und anschließend studieren.
  • Das Abitur und damit letztlich alle Schulabschlüsse werden abgewertet. Universitäten sind überlaufen. Die Zahl der Studienabbrecher ist hoch. Schüler, die in den Mittelschulen zurückbleiben, haben mit einer durchaus anspruchsvollen handwerklichen Ausbil­dung Schwierigkeiten. Laut der Tageszeitung „Die Welt“ ist jeder vierte Schulabgänger „nicht ausbil­dungsfähig“.
  • Die großen Firmen bieten großzügige Konditio­nen, die ein mittelständischer Betrieb nicht leis­ten kann. Sie ziehen diesen die guten Lehrlinge und sogar Gesellen ab. Ein Lehrling kann in einem der großen Weltkonzerne mit einem zwei bis dreimal so hohen Lehrlingsgehalt rechnen.

Idee und Ziel:

Deshalb das Ziel: Jugendliche für das Handwerk zu begeis­tern und ihnen die nötigen Grundvoraussetzungen mitzuge­ben, die es für eine handwerkliche Ausbildung braucht.

Mittlerweile geben die Kammern und Innungen jährlich sehr große Summen dafür aus, um das Image des Handwerks zu verbessern.

Gleichzeitig werden große und durchaus sehr gute wie breit aufgestellte Messen wie jene in München und Nürnberg ver­anstaltet, um das junge Zielpublikum für sich zu gewinnen. Diese Bemühungen sind jedoch sehr punktuell und setzen auch erst in dem Moment an, in dem die „Grundausbildung“ bereits fast vorüber ist und sich die Jugendlichen endgültig für ihr späteres Leben entscheiden müssen.

Erneut haben große Unternehmen klare Vorteile: großzügige Werbegeschenke, beeindruckende Auftritte oder gar eigene Werbe­abteilungen, die ein üppiges Rundumpaket ausarbeiten, führen dazu, dass der Kampf um die Aufmerksamkeit der Jugendlichen schnell entschieden ist.

Die Montessori-Schule Essing greift eine Grundidee der Vor­denkerin und Begründerin der Montessori-Bewegung auf, den „Erdkinderplan“.

Maria Montessori erkannte dabei, was moderne Forscher nun hundert Jahre später bestätigen:

Im Alter der angehenden Pubertät sind Kinder kaum noch in der Lage, schulische Inhalte aufzunehmen. Stattdessen sind sie aber von Natur aus sehr daran interessiert, ein ernstzu­nehmender Teil ihrer Umwelt zu sein und sich produktiv dort einzubringen, wo ihre

Interessen liegen.

Darum müssen wir bereits etwas früher ansetzen und, ganz wichtig, die Kinder und Jugendlichen ernst nehmen und ihnen die Möglichkeit geben, ihre eigenen Ideen einzubringen und umzusetzen, damit sie ihre natürliche Tatkraft und Motiva­tion behalten.

Konkret heißt das, dass wir schon in den ersten Jahrgangstu­fen unserer Schule beginnen werden, dem herkömmlichen Unterricht eine neue Ausrichtung zu geben; statt den Kunst­unterricht nur mit  Wasserfarbe auf einem A3 Papier stattfin­den zu lassen, dürfen Kinder nun Wände streichen und ihre Kreativität mit anfangs sicherlich einfachen aber handwerkli­chen Techniken umsetzen; statt die zehnte Laubsägearbeit im Werkunterricht zu machen, dürfen Kinder zwar themenge­bunden, aber dennoch individuell eigene Projekte entwerfen und diese von der Skizze über die Erstellung einzelner Bau­teile bis zum fertigen Werkstück selbst umsetzen; statt jedes Kind im Textilen Gestalten die gleiche Wollkatze häkeln zu lassen, werden gemeinsam Themen erarbeitet, die dann wie­der, den Wünschen des Kindes entsprechend, ausgeführt wer­den und unterschiedliche Techniken verlangen.

Statt dem Kind also etwas aufzuzwingen, was es nicht ausfüh­ren möchte oder entwicklungsbedingt gar nicht kann, ist es auf diesem Wege nicht nur möglich, auf die individuellen Bedürf­nisse einzelner Kinder einzugehen, sondern auch dem Kind die Freude an der „Arbeit“ zu erhalten.

Eine Steigerung der „Leistung“ ist dabei aus der Motivation des Kindes selbst heraus zu erwarten, da dieses ja immer anspruchsvollere Projekte angehen möchte. Die Kinder orien­tieren sich im jahrgangsgemischten Unterricht der Schule an weiter fortgeschrittenen Projekten anderer Schüler oder gar an Projekten Erwachsener in ihrem Umfeld.

Auf diesen Weg führen wir junge Kinder, entlang dem Lehr­plan des bayrischen Kultusministeriums, an Handwerke heran.

Ergänzend ist jeder handwerkliche Beruf interdisziplinär angesiedelt und beinhaltet damit sowohl Inhalte als auch Kompetenzen, die bisher relativ trocken im Unterricht ver­mittelt werden mussten.

Ein Beispiel dafür ist das Bäckerhandwerk: Statt den Umgang mit Gewichten, Verhältnissen oder Prozentrechnen ohne wirklichen Bezug trocken im Mathematikunterricht zu erler­nen, statt Vorgänge, wie sie in Hefekulturen ablaufen theore­tisch im Biologieunterricht vermittelt zu bekommen, statt Geschäftsformen, Rechnungswesen und Steuer, wenn über­haupt im Fach Sozialkunde zu unterrichten, könnte man all dies einfach im wörtlichsten Sinne erfahren und begreifen, wenn das Handwerk zu einer Art Unterrichtsfach erkoren wird. Gleiches gilt für jeden anderen Handwerksberuf.

Denn nur, wenn ich einen Handwerksberuf überhaupt kennen gelernt habe, kann ich mich dafür interessieren.

Ein Handwerk zu erlernen, bedeutet das Leben zu verstehen!

Im Laufe der fortschreitenden Schullaufbahn werden diese Arbeiten nun immer konkreter:

Aus ersten Skizzen werden mit Lineal und Geodreieck ausge­führte und bald auch bemaßte Zeichnungen; aus Zeichnungen werden handwerklich korrekt und maßstäblich ausgeführte Pläne.

Zudem wird das Spektrum der Angebote erheblich erweitert. Neben den, durch den Lehrplan ohnehin vorgegebenen Mög­lichkeiten, in den Bereichen Kunst, Werken und Textiles Gestalten kommen die Bereiche Technik und Soziales (Gastro­nomie) hinzu. Diese Auswahl wird noch einmal durch mit den Schülern abgestimmte Projekte im Angebot der offenen Ganztagsschule ergänzt. So sind auch Kosmetik, Gartenbau, Metallarbeit/Schmieden und viele andere Ausrichtungen angedacht.

Gleichzeitig sind an unserer Schule bereits ab der 5. Klasse freiwillige Praktika und spätestens ab der 7. Klasse sogar zwei Pflichtpraktika vorgesehen, so dass unsere Schüler sich frühzeitig auch außerschulisch mit verschiedenen Betrieben auseinandersetzen müssen. Haben sie für sich eine Ausrich­tung gefunden, ist auch vorstellbar, dass ein Schüler einen Betrieb zwar nicht ausschließlich, aber immer mal wieder im Zuge eines Schulpraktikums besucht.

Des Weiteren gibt es einen schulinternen Montessori-Abschluss: die große Arbeit. Um diesen Abschluss in der 8. Klasse zu erlangen, müssen unsere Schüler über mehrere Monate ein selbst gewähltes Projekt mit einem großen prakti­schen, zumeist handwerklichen Anteil ausführen und doku­mentieren. Diese Facharbeit stellen alle Absolventen eines Jahrgangs bei einer großen Feier einem öffentlichen Publikum und einer Jury bestehend aus Vertreter der Schüler, Lehrer, Eltern und der Wirtschaft/Politik in einem etwa 20-minütigen Referat vor.

So muss der Betrieb bei der Wahl seiner Lehrlinge nicht die „Katze im Sack kaufen“, sondern kann auf Grund der Praktika, der Dokumentation der großen Arbeit und letztlich unter­stützt durch unsere differenzierten und kompetenzorientier­ten Zeugnisse (im Gegensatz zu Notenzeugnissen) leicht die Entwicklung und Eignung eines Bewerbers erkennen.

 

Die Umsetzung:

Neben den oben genannten Maßnahmen sind noch eine ganze Reihe von Arbeiten und Maßnahmen nötig, um den handwerklichen Zweig der Schule ins Leben zu rufen:

  • Die schuleigenen Handwerkseltern werden ange­sprochen, der Schule als Partner zur Seite zu ste­hen. Diese können durch Geld- und Material­spenden, sowie durch die Möglichkeit, ihren Betrieb einmal zu besuchen oder einen Vortrag zu ihrem Handwerk zu halten, unterstützen. Durch die Präsentation auf unserer Homepage kommen sie auf die Liste unserer bevorzugten Praktikabe­triebe.
  • Den Handwerksbetrieben in der unmittelbaren Umgebung wird das Konzept vorgelegt und erläu­tert. Sie sind ebenfalls gebeten (s.o.), der Schule als Partner zur Seite zu stehen.
  • Im nächsten Schritt werden der Handwerkskam­mer und den Innungen das Konzept und die Liste der Partner, die ja auch alle Mitglieder der Hand­werkskammer sind, vorgelegt. Kammer und Innungen werden gebeten, Partner der Schule zu werden und der Schule das noch zu schaffende Prädikat „Handwerksschule“ zu verleihen. Dieses Prädikat, das ausschließlich durch die Kammern vergeben wird, kann sich in der Schullandschaft nahtlos in die Reihe anderer Prädikate wie Umwelt­schule oder Inklusionsschule einfügen.

Auf diesem Wege wird die Montessori-Schule Essing zur Pilotschule des Handwerks. Das Kon­zept kann – wenn erfolgreich – von anderen Schu­len übernommen werden.

Zudem kann die Handwerkskammer ihre Pilot­schule finanziell und durch Materialien, Werk­zeuge und Maschinen unterstützen. Dies dürfte bei einer kleinen Pilotschule wie Montessori Essing leichter fallen als bei einer großen Schule mit mehreren hundert oder gar tausend Schülern.

Das Projekt hat und verdient sicherlich öffentliche und politische Aufmerksamkeit und Förderung, bzw. Begleitung.

Die wertvollste Unterstützung, die die Kammern und Innungen aber leisten können, ist die perso­nelle. Diese Institutionen haben in ihrem Portfolio Kontakte zu alten Handwerksmeistern, die alters­bedingt die Betriebe schon verlassen mussten, aber sicher noch tatkräftig genug sind, unsere Schüler ein bis zweimal die Woche für wenige Stunden anzuleiten. Bessere Lehrer und zugleich Fachleute werden kaum zu finden sein, was die Qualität und somit auch die Effektivität der Initia­tive „Bündnis für Bildung – Handwerk – Zukunft“ enorm steigert.

  • Zuletzt machen wir uns auf die Suche nach Unter­stützern in den Bereichen Förderungen, Stiftun­gen und Sponsoren aus der Wirtschaft.

Sponsoren dürften daran interessiert sein, die „Profilschule Handwerk“ in ihrem Fachbereich auszustatten. Ein frühes „Branding“, sprich die Platzierung einer Marke, mit der unsere Schüler konfrontiert werden, wird, wenn unsere Schüler mit den Produkten arbeiten und zufrieden damit sind, führen dazu, dass sie auf eben diese Marke auch privat und ein Leben lang zurückgreifen.

Zudem ist zu erwarten, dass insbesondere Stif­tungen oder gar die Europäische Union unser Projekt für förderfähig befinden, aufgrund der Tat­sache, dass wir ein schon lange erkanntes, aber schwer zu bekämpfendes, gesellschaftliches Problem massiv angehen.

Konzept Bündnis für Bildung – Handwerk – Zukunft und Formular zur Unterstützung (PDF)

Stellungnahme Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz (PDF)

 

Kommentare sind geschlossen.